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Die Yersiniaslegende

Dies ist eine Textsammlung, die sich mit dem Opfer des Heilergottes Yersinais befaßt, der sein Leben gab im Krieg zwischen Kang und Kulos, um die Welt zu retten. Gedenket seiner. Diese Geschichte ist verknüpft mit einem Ort "Der Pilgerstätte zur Reinigung der heiligen Tanesh" und der Legende der Armangathier und des Blutes des Yersinias. Doch diese Geschichten haben einen anderen Ort. Hier soll nur ein Bericht wiedergegeben werden, der Bericht des einzigen Augenzeugen, der das Wunder sah. Dieser Bericht wurde zur Jahreswende gefunden von einem wandernden Priester und uns somit zur Kenntnis gebracht. Hier erfolgt der wichtigste Ausschnitt, der das Opfer des Gottes beschreibt. Die komplette Legende ist nachzulesen unter dem Legendenkreis über das Ende Monostratos in der "Legende des Abtes"

...
Das Heer des Kulos marschierte und auch wenn die Truppen Königs Bartholomäus sie aufzuhalten versuchten, so war es doch abzusehen, wer am Ende siegreich sein würde. Selbst Kang, der Liebling der Götter, würde nicht ausrichten können, gegen Kulos, seinen gefallenen Bruder. Und so zog das Heer immer weiter und jeder Tote, den sie erschlagen hatten, schloss sich den Reihen der Unlichen an, gebannt durch finsteren Zauber. Und die Diener des Kulos, allen voran Monostratos und seine Schergen, brachten unsagbares Leid.

Da kam es, dass Späher uns warnten. Wir lagen weit ab von der Route des Heeres und hatten uns in Sicherheit gewogen, dass die Armeen wohl an uns vorbei ziehen würden. Doch ein Teil des Heeres hatte sich gelöst und marschierte unter Menos, einem der Hunde des Monostratos, direkt auf uns zu. Sie marschierten schnell und es war kein Zweifel, dass wir ihr Ziel waren.

Verzweifelung machte sich breit. Wir schafften so viele der Frauen fort wie möglich und auch die Priesterinnen flehten wir an zu gehen, oder befahlen es ihnen, soweit ihr Rang unter dem der männlichen Priester war.
Am Ende blieben nur Bredok, nun oberster Priester des Bregath, Amareta, die nun höchstrangige Priesterin der Mutter, Larzaron, der oberste Priester des Yersinias und ihre Gehilfen und Novizen.
Ich war einer von ihnen.
Wir bereiteten uns auf einen Angriff vor und die Armangathier begannen seltsame Rituale zu weben und Dinge aus den Gewölben ihres Turmes hervorzubringen, die ich noch nie zuvor bei ihnen gesehen hatte. ...
Die Armangathier also befestigten den Tempel mit sonderbaren Mitteln unter anderem Flaschen, in denen ein Feuer brannte, dass kein Wasser zu löschen vermochte. So machten wir uns bereit und warteten auf den Angriff.

Da taumelte eine Frau auf den Platz. Die Haare wirr, die Kleidung fast zerrissen. Man konnte noch sehen, dass es wohl einst eine Yersiniasrobe gewesen sein musste. Doch dies war mehr zu erahnen, als zu sehen. Ich wollte auf sie zu eilen um ihr zu helfen, da riefen die Armangathier eine Warnung und richteten ihre Waffen auf sie.
„Untote“ erschall es, von allen Seiten und „Zurück“
Ich stand wie erstarrt, die Frau nur wenige Meter vor mir, mein Körper zwischen ihr und den Brandpfeilen der Bogenschützen.
„Helft mir!“ flehte sich mich an. Und dann sah ich in ihre Augen. Und es war der gleiche Blick, den ich schon so oft gesehen hatte. Ein Blick, so voller Qual, voller Entsetzen, voller Ekel vor sich selbst und Angst, dass ich mich nicht abwenden konnte.
„Sie braucht Hilfe“ rief ich, doch der Anführer der Armangathier hörte mich nicht.
„Zurück, sie ist eine Untote“ schrieen sie mir zu.
„Ja, das bin ich“ rief sie und fiel auf die Knie. „Doch ich bin geläutert. Ich suche Vergebung und Hilfe! Bin ich nicht ein Weib und geschändet an Leib und Seele? Wenn ihr mir nicht helfen könnt, wer dann?“
Ich wandte mich um, doch als ich den kalten Blick von Garthis sah, dem Anführer der Armangathier, da wurde mir klar, dass diese Augen keine Gnade kannten. Und ich sah das Gesicht von Larzaron. Diesen Blick werde ich nie vergessen. In seinen Augen war nacktes Entsetzen und seine Lippen formten einen Namen, doch er sprach ihn nicht aus.
„Helft mir, ich flehe euch an, bei der Gnade der Götter!“ doch ich sah, wie die Herzen sich ihrem Flehen verschlossen.
„Das ist ein Trick, Albertus, spring zur Seite!“ reif mir die Stimme Bredoks zu. Doch ich hatte in ihre Augen gesehen und wusste, dies war kein Trick. Dies war eine Seele die aus den tiefsten Qualen der Verdammnis schrie.
Und so wandte ich mich langsam zu ihr um, sorgfältig darauf achtend, zwischen ihr und den Schützen zu bleiben und zischte ihr zu „Lauf! Du wirst hier keine Gnade finden. Nur die Götter können dir noch helfen!“ und noch während ich sprach stürmten zwei Armangathier vor, die sich geschickt an ihre Seite herangepirscht hatten. Für einen Augenblick wirkte sie verwirrt, fast schien es, dass sie knien bleiben wollte, als wäre sie bereit den Nacken darzubieten dem tödlichen Streich. Doch da berührte sie die erste Waffe und aus der weinenden jungen Frau wurde wieder ein Monster. Ich sah das Glühen in ihren Augen, ihre Zähne, die scharf wurden wie die eines Raubtieres, ihre Hände, scharf wie Klauen. Ich konnte sehen, wie das Böse sie erfüllte, als die Wächter auf sie einzuschlagen begannen. Sie zerschmetterte sie förmlich und warf die Angreifer – zwei erwachsene, kräftige Männer – wie Spielzeugpuppen zur Seite.
Ich weiß nicht, woher ich den Mut nahm, aber als sie sich herabbeugte sie zu töten schrie ich ihr zu „Nicht!“
Und das Wunder geschah. Das Monstrum ließ ab von seinen Opfern. Und wurde wieder zu der Frau mit den gequälten Augen. Sie wimmerte auf und rannte weg in den Wald. Die Wächter verfolgten sie noch, aber sie waren zu langsam. Die Frau war entkommen.

Ich kehrte zurück und die Priester schalten mich. Die Armangathier waren wütend, aber ich hörte ihnen kaum zu. Sie dachten, ich wäre verhext worden, aber das war ich nicht. Ich konnte nur den Blick dieser Augen nicht vergessen. ... Und so schlich ich mich hinaus, um sie zu suchen.

Ich fand sie nach einigem Suchen und dachte in meiner Selbstgerechtigkeit wirklich, dies sei das Wirken der Götter. Ein Zeichen, dass ich Recht handelte. –

Ich fand sie weinend in einem kleinen Hain. Noch heute frage ich mich wie die Armangathier ihr Weinen überhören konnten. Ich näherte mich ihr vorsichtig wie einem wilden Tiere, dass man nicht verschrecken will, da es sonst aufspringt und flieht – oder beißt. Sie sah mich und fing an zu knurren, doch ich blieb still stehen und zeigte keine Furcht. Nach einer Ewigkeit schien sie mich wieder zu erkennen und ihre Gesichtszüge wurden wieder menschlich. Ich näherte mich ihr vorsichtiger als je einer Frau zuvor. Ich weiß nicht wie lange ich brauchte, doch irgendwann berührten meine Fingerspitzen sanft ihre Schulter. Da sah sie auf. Und warf sich mir weinend in den Arm als wäre ich ein Vater und nicht viel, viel jünger als sie. Ich hielt sie so und wiegte sie und die Scheußlichkeit ihrer Gestalt und ihr Übelkeit erregender Geruch, ja selbst das Blut an ihrer Kleidung und ihren Klauen erschien mir immer weniger schlimm. Sie war ein Opfer, so wie die anderen Frauen. Vielleicht war sie auch Täter – ich wusste es nicht und ich wollte es nicht wissen. Hass ließ viele Menschen zu Schlimmerem werden als die Tiere. Und in dieser Frau tobte der Hass. Sicherlich war sie vom Einfluss des Sternes verändert worden. Ich konnte keinen Schlag ihres Herzens spüren und auch wenn sie schluchzte, so füllte doch kein Atem ihre Lunge und der Odem des Lebens war ihr fern. Und ihre Tränen waren nicht salziges Wasser, sondern Blut von einer absonderlichen Farbe, noch immer rot, doch mit einem grünen Glanz, der im Mondlicht schimmerte. Und so hielt ich sie als wäre sie meine Tochter. Und ich wusste, dass ich gerade Tanesh war, die Mutter, die alle ihre Kinder liebt und sie beschützt, ganz gleich, was sie getan hatten, denn die Gnade Taneshs ist unendlich und ihre Liebe ohne jedes Maß und Urteil.

Irgendwann hörte sie auf zu weinen und sah mich an, als hätte ich eine Antwort. Doch ich kannte noch nicht einmal die Frage. Ich wusste nur, dass dort wo die Gnade der Menschen versagte, die Gnade der Götter erretten kann.

Und so nahm ich sie an die Hand und führte sie tief hinein in den Wald. ...
Ich fing an mit ihr zu reden wie man mit einem Kinde redet oder einem scheuen Tier. Fast schien sie mehr dem Klang meiner Stimme zu lauschen als meinen Worten. Und doch sie verstand alles, das sah ich. Der Zauber des Sternes nahm zwar Leben und Seele doch nicht den Verstand. Nur deshalb waren ja die ersten der Unlichen so gefährlich. Irgendwann fragte ich sie, nach ihrem Namen, doch sie schüttelte nur den Kopf. Das Schweigen dauerte ewig. Dann begann sie zu erzählen.
Sie erzählte mir wie stolz sie gewesen war. Sie war an der Seite von Kulos geritten, unter wehenden Bannern. Man konnte förmlich den Glanz der Rüstungen sehen, wie sie in der Sonne funkelten, die wehenden Fahnen, die weißen, sich bauschenden Umhänge, die im Winde flatterten als das Heer des Guten loszog, Monostratos zu besiegen und in seine Schranken zu weisen. ...
Und sie standen vor den Mauern, die Monostratos hatte errichten lassen und sie wußten, sie würden siegen, denn die Hälfte des Heeres des Königreiches war versammelt worden. Und waren sie nicht die Kämpfer des Guten? Waren die Götter nicht auf ihrer Seite? Und so griffen sie an und sie brandeten gegen die Mauer wie ein Meer, dass die Klippen überspülen würde und die Dämme zerbrechen.

Doch sie siegten nicht. Denn über ihnen erklang der Gesang des Monostratos und in einem gewaltigen Ritual verfinsterte dieser den Himmel. Und ein Stern fiel vom Himmel und er brachte die Bitternis doch sie erkannten ihn nicht. Und sein giftiger Hauch erstickte den Lebensodem und er tötete alles, was Atem hatte. Das Fleisch schmolz von ihren Knochen, das Blut verfaulte noch in den Adern und die giftigen Dämpfe ließen sie ihre Lungen aushusten bei dem Versuch um Atem zu ringen. Sie wurde zerrissen, ihr Körper zerschmettert, ihr Geist gefoltert und ihre Seele versklavt. Lange muss sie gekämpft haben. Sie erzählte mir, wie die anderen schon aufstanden, neu geformt nach dem Willen ihres Meisters, in untoten Körpern neu geboren, zu Monstren geworden. Sie muss noch immer geschrien und gefleht haben zu den Göttern, als die anderen längst dem Zauber erlegen waren. Doch irgendwann wurde auch sie gebrochen und die schützende Hand Yersinias zog sich zurück. Sie verwandelte sich und wurde zum Monster. Und Monostratos, dessen Grausamkeit ohne Gleichen war, schätze sie besonders, weil sie so lange gelitten hatte und machte sie zu einer seiner bevorzugten Dienerinnen, denn es erfüllte ihn mit Freude sie zu benutzen und zu sehen, wie sie mit Giften und Grausamkeit unglaubliches Leid über Menschen brachte, denen sie doch vorher immer geholfen hatte.
Ihr Stimme stockte, als sie mir erzählte, was sie tat unter seinem Befehl und noch heute wird mir übel und ich erwache manchmal vom Schrei meiner eigenen Stimme, wenn ich von den Bildern geträumt habe, die ihre Worte schufen in meinem Kopf. Doch ich lauschte ihr gebannt. ...


Und irgendwann versickerte ihre Stimme wie Wasser im Boden und sie schwieg.
Lange saßen wir so. Der Mond war schon voll aufgegangen und das Auge Pahtors sah auf uns herab. Dann schaute sie mich an. „Was soll ich tun?“ fragte sie mich und es war keine Hoffnung mehr in ihrer Stimme. Lange dachte ich darüber nach. Doch so lange ich auch darüber nachsann, ich hatte keine Antwort, nur Fragen.

„Wie kommt es, dass du dich befreien konntest?“ fragte ich sie schließlich. „Du bist die Erste und Einzige von der wir dies je gehört haben.“ Ihr Blick wurde gedankenverloren. „Ich weiß nicht,“ sagte sie. „Ich glaube, es war nicht meine Kraft, sondern die Kraft des Paladin.“ Und sie begann zu erzählen von dem Kampf um Eridalis. Natürlich hatten wir alle davon gehört. Eridalis, die mächtige Stadt, in der Frauen regierten und die im Herzen des Landes lag. Manche sagten, in Eridalis würde das Schicksal der Welt entschieden. Doch dies hoffte ich nicht, denn Eridalis war gefallen in die Hände von Kulos und man munkelte sogar, dass die Frauen sich ihm ergeben hätten. Und sie erzählte, wie sie gefangen genommen worden war und zu einem Verhör geführt und dann vor die Richter der Stadt gebracht. Ein Mann, so erzählte sie und sie musste meinen zweifelnden Blick gespürt haben. Niemals hatten die Männer in Eridalis eine hohe Funktion, die Frauen hatten die Macht inne, nicht die Männer. Doch sie bestand darauf, es sei ein Mann gewesen, mit einem seltsamen Wappenrock, den sie so noch nie in Eridmea gesehen hätte. Und sie sei diesem Manne übergeben worden, damit er über sie urteile, ob sie noch zu retten, oder für immer dem Bösen anheim gefallen sein. Natürlich hatte sie ihn verspottet und beschimpft. Sie glaubte, ihr Urteil stehe fest. Selbstherrlich stand er vor ihr, so tapfer, so licht, so närrisch wie alle, die mit gezogen waren im Heer und nun als kriechende Monster ihren neuen Herren dienten. Aber er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er achtete nicht auf ihre Worte, ihren Haß, ihre Abscheu, die sie ihm ins Gesicht spuckte. Er achtete auf die Verzweiflung, die hinter dem Abscheu lag. Die Stille, die dort war, wo früher das Lachen ihrer Seele erklungen war. Die Leere, die sie nun verzehrte wie ein nagender Hunger, der nicht zu stillen war und sie unersättlich machte in ihrer Gier. Und dann begann er zu ihr zu sprechen. Sanft und doch anklagend. Er erinnerte sie. Er erinnerte sie an das, was sie einst gewesen war. Und er tadelte ihren Hochmut und ihre Verzweifelung. Die Götter hatten sich nicht von ihr abgewandt, sie war es, deren Schmerzen und Angst und Zweifel die Tore ihrer Seele verschlossen hatten. Sie war es die entschied, ob sie dem Ruf der Götter folgen oder für immer die Knute des Monostratos fühlen wollte. Sie war es, die jede Sekunde sich auf´s Neue entscheiden musste, ob sie die Hand der Götter nahm. Und diese Hand war immer da, bereit dem Strauchelnden Halt zu geben. Sie war manchmal nur verschleiert durch die Blindheit, mit der das Böse uns schlug, Manchmal konnten wir die Stimme der Götter nicht mehr hören, denn das Böse schrie in unser Ohr, manchmal konnten wir die Hand nicht mehr ertasten, denn das Böse hielt uns gefesselt. Doch die Hand war immer da.
Und während sie erzählte, was der Paladin ihr in dieser finsteren Stunde im Kerker des Gerichtsraumes zugeflüstert hatte, da ging eine Veränderung mit ihr vor sich und ein Glanz legte sich über sie und ich konnte die Götter spüren an diesem Ort auf eine Art und Weise wie ich sie noch nie zuvor gespürt hatte. Sie waren hier. Sie alle. Sie warteten nur durch einen dünnen Schleier des Seins von uns getrennt. Bereit uns zu empfangen und zu halten, wenn wir uns ihnen öffneten. Und ich sah diese Frau und ich sah, dass sie sich den Göttern geöffnet hatte und ihnen vertraute, mehr als ich es jemals bei einem Wesen zuvor erblickt hatte. Und sie erzählte weiter und ich lauschte ihrer Geschichte und dem, was der Paladin ihr gesagt hatte. Und dann verstand ich die Größe dieses Mannes und wie es sein konnte, dass diese Frau vor mir saß, ein Monster, blutbefleckt und doch strahlend von innerem Glanze.
Der Paladin hatte ihre Sünden auf sich genommen. Alles Blut, dass ihre Hände vergossen, tropfte nun von seinen Händen. Alles Leid, das sie verursachte, würde vor dem Gerichte Tarashs ihm zur Last gelegt. Er hatte sie befreit auf eine Art und Weise, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Ihre Seele war rein geworden, damit sie die gnade der Götter empfangen konnte, indem er seine eigene Seele für immer verflucht hatte.
Und mich schauderte vor der Größe dieses Mannes, der sich selbst in den Abgrund begab, damit die Gefallene zum Licht emporblicken durfte. Und ich fragte mich, was wohl geschehen würde, wenn dieser Mann des reinen Lichtes vor den Göttern stünde, befleckt mit all dem Bösen, dass er ihr abgenommen hatte. Und ich beschloss, diesen Mann, den ich nie getroffen hatte, in meine Gebete zu Eschgal einzuschließen, damit er einst nicht der Verdammnis anheim fiele. Und als ich sie nach seinem Namen fragte, sagte sie „Merlon“ und lächelte, doch mich durchfuhr ein kalter Schauder und für einen kurzen Augenblick sah ich Blut an Kriegerhänden, Blut, dass glänzte wie von einem inneren Lichte.

Der Augenblick verging und lange saßen wir beide schweigend. Ich wußte keinen Rat. Die Menschen schienen keinen Weg zu kennen, sie wieder zu dem zu machen, was sie einst gewesen war : ein lebendiger, atmender Mensch. Und der einzige Weg die Unlichen wieder zum Guten zu bekehren, diesem Beispiel schien es unmöglich zu folgen. Und so riet ich ihr, die Götter anzurufen. Es war nicht gerecht, so schien es mir. Sie hatte so viel gelitten und dieser Merlon hatte ein so großes Opfer gebracht und nun saß sie hier, verzweifelt und alles schien umsonst, denn die Armangathier mussten sie irgendwann finden und dann würde sie erschlagen wie ein tollwütiger Hund.

Und ich versprach ihr, zur Pilgerstätte zurückzugehen und für sie zu sprechen, damit man sie vielleicht annähme. Und ichsagte ihr, sie solle zu Yersinias beten. War dieser nicht der Gott der Heilung? War sie nicht seine Priesterin? Hatte sie ihm nicht gedient? War dieser giftige Odem des Sterns, der Rhyat zur Geburtsstätte des Bösen machte nicht wie böser Krankheitsgeist, ihr Dasein nicht wie eine Pest, ihr Handeln nicht wie das eines Fieberwahnsinnigen? Wer, wenn nicht Yersinias sollte sie heilen können, sie und die anderen des Heeres, die einst die Krieger des Lichtes gewesen, nun zur Geißel Eridmeas geworden. Wo, wenn nicht hier, wo Bregath, der Herr des Lebensodems weilte, sollte sie Hoffnung finden? Wo, wenn nicht hier an dem Platz, der Tammuz und Eschgal geweiht war, wollte sie erhört werden, damit die Toten nicht mehr aus ihren Gräbern gerissen würden und zu unheiligem Tun verleitet.
Und so ließ ich sie allein und betend zurück in der Gewissheit, dass die Götter sie erhören würden.

Ach, wäre ich doch nur gegangen. Hätte ich mein Versprechen wahr gemacht. Aber kaum hatte ich die Lichtung verlassen, da hörte ich einen seltsamen Klang, fast so wie Musik und doch süßer als jeder Ton einer Harfe. Und ich sah ein Licht von der Lichtung her schimmern, als hätte dort ein Gott nur darauf gewartet, dass ich endlich gehe, damit er zu ihr kommen kann.
Und ich war neugierig. Alle Götter mögen mir vergeben. Ich war einfach nur neugierig. Und so schlich ich mich zurück und beobachtete sie durch die Büsche hindurch. Und ich kann nicht beschreiben, was ich dort sah, denn kein menschliches Wort ist groß genug und es gibt in den Sprachen der Menschen, Elfen oder Drachen kein Wort, dass die Güte und die Liebe der Gestalt auszudrücken vermag, die ich dort sah.

Und ich sah wie Yersinias, der Gnädige, sie heilte mit der Kraft seines Blutes.

Und ich sah, wie sie weinte, Tränen aus salzigem Wasser. Und wie ihre Wangen erröteten und ihre Brust sich hob und senkte durch den Odem des Lebens.

Und ich sah, wie sie ihn anflehte und wie er fünf Gefäße nahm und das Blut seines Herzens dort hinein floß und die Phiolen ihr gab, kostbarster als der kostbarste Wein, glänzend im Rot des Lebens. Und sie nahm sein Blut, dass er ihr gab und dankte ihm und ich sah wie er lächelte, doch schien es mir als wäre sein Lächeln traurig, der Glanz seiner Augen getrübt, als hätte es ihn große Kraft gekostet ihr dieses Geschenk zu geben.

Und ich sah wie sie aufstand und ihm dankte. Und wie doch Trauer auf ihrem Gesicht war. Und ich hörte, wie sie ihn fragte, ob es denn keine Rettung gebe. Keine Rettung für die anderen? Doch er schüttelte den Kopf. Die Phiolen seines Herzblutes, mehr konnte er ihr nicht geben, zu erretten drei von ihnen vor jedweder Krankheit, Siechtum und Pestilenz und sogar vor dem Hauch des grünen Sterns und dem Fluch des Nekromanten. Den Untoten selbst konnte sie Leben bringen mit diesem roten Trank seines Lebens. Kulos und Monostratos gegeben würde er sie wandeln wieder zu sterblichen Geschöpfen – und zumindest Kulos könnte so befreit werden und zum Lichte zurückkehren. Monostratos Seele war unrettbar verderbt und nur dienen würde es ihr, ihn besiegen zu können, wenn er sterblicher Magier und nicht mehr unsterbliche Bestie. Die dritte Phiole aber sollte sie demjenigen geben, den sie am meisten liebte. Für die anderen sei alle Hoffnung verloren.

Und sie weinte. Ich weiß nicht, ob aus Freude oder Schmerz. Und ich dachte an all die anderen Verwandelten und wie grausam die Entscheidung war, die der Gott ihr auflastete. Und ich fragte mich, ob wir alle das Opfer des Merlon vollziehen könnten, um sie zu retten. Und plötzlich spürte ich einen Blick auf mir, oder in mir? Ich kann es nicht beschreiben. Und ich hörte diese Stimme im Grunde meines Herzens und sie fragte mich „wärest du bereit, dein Leben und deine Seele zu geben, selbst wenn dies nur hieße, dass sie tot blieben?“ Und ich dachte darüber nach, wie die Yersiniaspriesterin gewandelt war als Untote und doch gut. Und ich verstand die Frage nicht, nicht wirklich.
Doch ich wußte, selbst wenn ich diese Wesen nicht retten könnte, diese Unlichen, so wäre es doch den Tod eines einzelnen Mannes wert, wenn sie endlich in Frieden ruhen könnten und ihre Seelen geborgen wären in den Hallen Eschgals und Erlösung fänden in der Leere der Tammuz. Und so erhob ich mich, das Opfer zu vollbringen. Doch meine Glieder waren wie Blei.

Und ich sah, wie der Gott in seine Brust griff an die Stelle seines Herzens. Und er nahm ein Juwel heraus, strahlend und hell und es schlug im Rhythmus der Welt. Und ich sah, wie er das Juwel zerbrach, während er seine Priesterin ansah und drei Tropfen fielen zu Boden. Hellglänzendes Rot. Und aus ihnen entsprangen drei Blumen, leuchtend und hell.
Und dann sank die Gestalt zu Boden und ein Schimmer legte sich auf sie, als wenn der Nebel der Erde ihn bedecken wollte, doch mit den Farben des Regenbogens. Und ich sah die Yersiniaspriesterin weinen, doch ich konnte mich nicht rühren. Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging. Die Sterne standen still im Himmel und es bewegte kein Lufthauch die Blätter. Kein Laut dieser Welt erklang und die Zeit hielt inne.
Und ich sah, wie ein Stein emporwuchs aus der Erde und die Priesterin berührte ihn und eine Schrift erschien auf dem Stein, so als würde sie mit flammendem Meißel eingraviert, doch ich sah nicht, dass sie Werkzeug gehabt hätte oder ihre Hände bewegte zum Zaubern. Dann erhob sie sich, einen letzten Blick werfend auf das Leichentuch, dass die Gestalt des Gottes umhüllte und das wie aus tausend Schmetterlingsflügeln bestehend wogte in Farben und Licht.
Und sie ging.
Doch ich konnte mich nicht erheben.
Ich konnte den Blick nicht lösen von der Gestalt des Gottes, die dort lag.
Da war etwas, etwas , was mich drängte, aufzustehen, zu gehen, den Priestern und den Armangathiern zu sagen, was ich gesehen hatte.
Doch ich konnte nicht.
Und so lag ich da in dieser Ewigkeit.
Und ich sah Gestalten. Die Gestalten der Götter. Doch nicht so wie sie auf den Bildern der Tempel abgebildet sind.
Nicht so, wie man mir erzählt hatte, wenn sie menschliche Gestalt annahmen um auf der Erde zu wandeln.
Nicht so, wie es sein sollte, wenn sie die Körper ihrer Priester nutzten, um selbst unter den Menschen zu weilen.
Ich sah sie, wie eines Sterblichen Auge das Unsterbliche zu erblicken vermag.
Und ich sah, wie die Schwestern nahmen den Leib und wie die Andere den Faden nahm und wie zerrissen wurden die Himmel und das Universum selbst und ein Loch klaffte im Gewebe der Welt und des Seins gerissen durch den Opfertod eine Gottes. Und ich sah die Mutter weinen.

Und mein Geist zerriss.
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