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Dies sind die Aufzeichnungen meines Abtes, des guten Albertus.

Ich weiß nicht, ob es Recht ist, was ich tue.
Er gab mir dieses Buch bevor ich zum Konvent aufbrach und bat mich, es zu verbrennen in der heiligen Flamme des Haupttempels. Keines Sterblichen Auge sollte es je wieder erblicken bis zum Ende aller Zeiten. Zu schlimm war wohl die Erinnerung. Er beschwor mich nicht hineinzusehen. Ich versprach es ihm.

- Mögen die Götter mir gnädig sein, ich wollte ihn nicht anlügen. –

Aber dann kam der Konvent. Und die heilige Flamme des Tempels erlosch, als ein Teil des Daches einbrach aufgrund eines heftigen Gewitters. Alle waren total entsetzt und hielten dies für ein schlechtes Omen. Ich nahm das Buch wieder mit zurück um dem guten Vater Abt davon zu berichten. Vielleicht wollte die Göttin ja nicht, dass das Buch verbrannt wurde. Doch als wir zurückkamen war er verschwunden. Keiner wußte, wohin er gegangen war. Er war ein alter Mann, schon tot krank. Alle dachten, er wäre nicht weit gekommen, doch wir fanden keine Spur von ihm. Als die Aufregung sich legte und er für tot erklärt worden war, da galt es, seinen Nachlass zu regeln und so viel zu tun war, da vergaß ich dieses Buch einfach für eine Weile. Ich vergaß es wirklich, dies schwöre ich, so wahr mir Eschgal gnädig sein möge. Und als ich es wiedersah … da konnte ich nicht widerstehen. Ich befürchte, die Neugier ist eine Sünde, die ich und der gute Vater Abt teilten. Ich las in das Buch hinein… und wußte nicht mehr weiter.
Dieses Wissen ist zu kostbar, um vernichtet zu werden. Selbst, wenn es noch die Aufzeichnungen geben mag, so ruhen die doch gesichert in den Katakomben und ich glaube nicht, dass ein Mensch sie zu finden vermag. Ich selbst habe versucht zum Grab vorzudringen, nachdem ich dies hier gelesen hatte, aber es ist unmöglich. Und so ist dies hier vielleicht die einzige Handschrift, die je existieren wird. Ich habe darüber nachgedacht, ob ich sie dem König sende, oder seinen Beratern, oder ob ich mit dem neuen Abt darüber rede. Aber Vater Albertus war so entsetzt über das, was geschehen war. Und ich habe es ihm doch versprochen. Bei meiner eigenen Seele und meiner Herrlichkeit bei Eschgal!
Und auch, wenn ich glaube, dass die Menschen anders über ihn urteilen würden, als er über sich selbst, so werde ich doch seinen Willen respektieren. Ich kann es nicht verbrennen, möge sein Geist mir gnädig sein.
Deshalb stelle ich es den Göttern anheim, ob dieses Wissen je gefunden wird.
Wenn es ihr Wille ist, so wird es geschehen. Wenn es nicht ihr Wille ist, so wird es nicht geschehen. Ich lege diese Schrift hier nieder und werde die Krypta versiegeln. Es sind heute zwei Priester der Anderen eingetroffen. Sie kamen zu mir und sagten, die Göttin hätte ihnen befohlen, mir zu helfen. Ich sehe dies als Zeichen, dass ich das richtige tue. Sie haben mir gesagt, sie würden mir helfen, die Tür zu diesem Raum verborgen zu halten bis zum Ende aller Zeiten. Und ich werde danach den Pfad zu finden suchen, dem der heilige Albertus folgte, und dessen Glühen nun erloschen ist. Vielleicht kann ich ihn ja doch noch finden – oder zumindest die Götter bitten, seinen Geist zu senden, damit ich ihm meine Tat gestehen kann.

Doch das Du, der Du dies hier liest, diesen Brief gefunden hast, bedeutet entweder, wir haben versagt, oder das Ende aller Zeiten ist angebrochen. Wenn wir versagt haben, so bitte ich dich, denke nicht schlecht von Vater Albertus oder mir. Und ich überlasse es dir, der du hoffentlich weiser bist als ich, zu entscheiden, was mit diesem Wissen geschehen soll. Wenn aber das Ende aller Tage angebrochen ist - Nun, dann wisse, es gibt Hoffnung. Vielleicht ist dieses Wissen der Schlüssel zu eurem Sieg.
In Demut und Ergebenheit dem Urteil der Götter

Aristophanes

Ich weiß nicht, warum ich kostbares Papier verschwende und Tinte, denn ich glaube nicht, dass ich es je wagen werde den Menschen dies hier zu zeigen.
Doch nicht für die Menschen ist es, die böse in ihrem Herzen, noch nicht einmal für die, die guten Willens sind.
Vielleicht schreibe ich es nieder für die Götter – doch diese wissen besser als ich was geschah, verdammt sei meine Seele.
Vielleicht muss ich es auch aufschreiben, weil ich sonst anfange zu schreien. Zu oft habe ich versucht zu sprechen, aber ihre Ohren waren taub und ihre Herzen aus Stein.
Wenn ich nur eine einzige Sache ändern könnte in meinem Leben, nur eine, dann würde ich freudig meine Existenz geben und für ewig unter die ruhelosen Geister gehen.
Doch es ist zu spät.
Die Götter selbst können es nicht ändern.

Und nun, wo meine Haare grau sind und meine Hände zittern, so dass sie kaum noch die Feder zu halten vermögen und der Blick meines Auges so trüb, dass ich die Zeilen kaum zu lesen vermag, die ich schreibe, nun ist der Augenblick gekommen. Es ist an der Zeit. Nicht mehr zögern sollte ich. Und doch …
Manchmal sagen die Barden, dass Geschichten erzählt werden müssen. Nicht weil sie so schön sind, oder so lehrreich, sondern weil die Geschichte es verlangt. Und der größte aller Barden, den ich kannte, sagte mir einst, dass diese Geschichten in seinem Mund brennen wie Feuer bis er sie ausgesprochen hat. Vielleicht ist es das Gleiche, was nun mir geschieht mit der Feder. Und doch… meine Hände brennen vor Gicht, nicht vor Verlangen. Jedes Verlangen starb in mir in jener Nacht.
Manchmal könnte ich weinen, wenn ich die ehrfürchtigen Gesichter der Jungen sehe. Halten sie doch die Leere meines Herzens für Selbstbeherrschung, mein Schweigen für Weisheit, mein Tun für göttliche Eingebung. Wenn sie wüssten. Meine Augen sahen zu viel, deshalb wurden sie blind für die Welt. Manchmal sehen wir Menschen Dinge, die nicht für uns bestimmt sind. Es gibt keine Worte sie zu beschreiben und unser Geist zerbricht, wenn er versucht es zu erfassen. Und doch ist es nicht die Herrlichkeit des Gesehenen, das Göttliche, das Unbegreifliche, was meine Seele zerrissen hat. Es ist meine Schuld.

Ich war es, ich trage die Schuld! Narr der ich war.

Und all mein Tun war nur der vergebliche Versuch die Sünde zu tilgen, die nicht getilgt werden kann. Ein Gott ist gestorben und ich war Zeuge. Aber meine Neugier war zu groß, größer noch als meine Dummheit. Ich musste ja unbedingt bleiben um zu sehen. Und so wurde alles vergeblich. Das größte Opfer umsonst und das Blut eines Gottes vergossen wie Wasser in der Wüste.

Vergebet mir und schenket mir Vergessen. Erlöset mich von meinem Sein.

Wenn ich mehr Mut hätte, hätte ich mich vor Jahren selbst getötet. Aber die Götter machen es einem nicht so leicht. Sie schenkten mir ein Leben, doppelt so lang wie das eines jeden anderen Menschen. Die Jungen glauben, es sei ein Segen. Ich weiß, es ist ein Fluch. Denn ich erinnere mich an Dinge, die sie nur noch aus den Erzählungen ihrer Großväter kennen, die es wiederum aus den Erzählungen ihrer Großväter wissen. Keiner lebt unter den Menschen, der noch gesehen hat.
Und so schreibe ich dies hier nieder als Erinnerung an mein Versagen.
Vielleicht geben die Götter mir dann endlich den Frieden des ewigen Schlafes.

Ich war ein junger Novize, gerade erst erwählt durch die Mutter selbst, die heilige Tanesh. Ich spürte die Berufung schon lange und auch wenn sie selten ist bei einem Mann, so war meine Familie doch gläubig genug und sie sandte mich in den Tempel. Ich fragte mich oft, warum gerade Tanesh, die Mutter, mich erwählt hatte. Als Knabe hofft man natürlich auf eine Erwählung durch Tarash, den Vater, oder Kaintor, den Herrn der Axt. Aber schon früh wurde klar, dass es wirklich die Mutter war, die Zeichen waren eindeutig.

Und dann kam der große Krieg und ich erkannte, warum ich erwählt worden war.
Viele der Frauen, die es noch irgendwie schafften, hierhin zu flüchten, zur heiligen Stätte, waren geschändet und gezeichnet an Leib und Seele für den Rest ihrer Tage. Ich hörte ihre Schreie und ihr Weinen, wenn die Alpträume sie quälten des Nachts. Und ich sah die Angst in ihren Augen. Die Angst vor einem jedem Manne, vor jedem, der den Bestien gleichet, die ihnen das angetan hatten. Manche von ihnen töteten sich selbst. Andere wieder gingen in die Erde um zu Bräuten Bregaths zu werden. Die meisten von ihnen hatten nichts mehr, außer den Bildern vor ihren Augen. Den Bildern, die zeigten, wie ihre Kinder erschlagen wurden in der Wiege. Wie ihre Männer gefoltert, verstümmelt und getötet worden waren, nur um danach durch unheiligen Zauber wieder zum Leben erweckt zu werden und ihnen Dinge anzutun, bei denen mir schlecht wird, wenn ich an sie denke. Monstren wurden es um Monstren zu zeugen. Alles Menschliche wurde vernichtet.
Ich fragte mich, warum sie das taten. Es wäre für Kulos, den Gefallenen und Monostratos, die Hand des Bösen, ein leichtes gewesen, diese Frauen auch zu töten und zu untoten Gefäßen zu machen, derer sie sich nach Belieben bedienen konnten. Doch dann verstand ich. Viel schlimmer noch, als die wandelnden Toten, waren diese Frauen. Manche von ihnen nicht mehr als Tiere. Manche mit leerem Blick nur noch starrend in eine grauenhafte Leere. Manche von ihnen um sich schlagend. Manche noch stammelnd das erzählend, was geschehen war.
Dies war viel schlimmer und es brach unseren Willen in viel größerem Maße.
Ich hörte von Adamat, einer kleinen Stadt im Süden. Es heißt, als das Heer Rhyats anmarschierte, da erstickten die Frauen ihre eigenen Kinder mit den Kissen ihrer Betten und töteten danach sich selbst mit dem Dolch. Die Letzte, so heißt es, verbrannte sich selbst mit den Leichen auf einem Scheiterhaufen als die Monstren des Kulos gerade das Tor der Dorfmauer durchbrachen.
Soweit haben sie uns schon gebracht. Es war keine Hoffnung mehr.
Und selbst jetzt, wo ich dies schreibe und weiß, sie liegen besiegt bis zum Ende aller Zeiten in ihren Gräbern, sehe ich noch die Augen und höre das Schrein.
Und da wusste ich, warum ich gewählt worden war von der Mutter.
Die Priesterinnen des Yersinias heilten die Körper, die Priesterinnen der Mutter heilten den Geist und die Seele dieser Frauen, aber mir war der Auftrag gegeben, ihren Herzen die Furcht zu nehmen. Die Furcht vor Berührung, vor Nähe, vor jedem Manne, den sie sahen.
Ich hatte eine schöne Gestalt – man mag es kaum glauben, wenn man mich heute sieht. Aber meine Glieder waren anmutig, mein Auge mild, mein Lächeln süß und manche hielten mich fast für ein Mädchen mit meinen langen, wallenden Haaren. Ich erzeugte keine Angst. Und ich dankte der Mutter für meine Gestalt.
Und so begann ich die Furcht der Frauen zu heilen, langsam, geduldig und sanft, so wie das Wasser eines Baches die scharfen Kanten der Steine glättet. Zuerst sprach ich nur mit ihnen, dann kam eine flüchtige Berührung, ein Scherz, ein Lachen.
Und irgendwann öffneten sie sich mir und ich zeigte ihnen, dass die Liebe eines Mannes nicht Schmerzen zufügen muss.
Am schlimmsten waren die, die Jungfrauen gewesen waren. Die erfahrenen Frauen konnten sich erinnern an die Liebe ihres Gatten. Doch die Jungfrauen hatten keine Erfahrung außer Schmerz. Und so sandte die Mutter mich ihnen zu zeigen, dass sie einst einen Gatten lieben könnten ohne Schmerz.
Es war gut, was ich tat. Auch wenn ich manchmal zerbrechen wollte unter den Blicken dieser Frauen. Aber ich tat, was ich tun konnte, und ich tat es gut.
Doch es wurden immer mehr, immer schneller.
Das Heer des Kulos marschierte und auch wenn die Truppen Königs Bartholomäus sie aufzuhalten versuchten, so war es doch abzusehen, wer am Ende siegreich sein würde. Selbst Kang, der Liebling der Götter, würde nicht ausrichten können, gegen Kulos, seinen gefallenen Bruder. Und so zog das Heer immer weiter und jeder Tote, den sie erschlagen hatten, schloss sich den Reihen der Unlichen an, gebannt durch finsteren Zauber. Und die Diener des Kulos, allen voran Monostratos und seine Schergen, brachten unsagbares Leid.

Da kam es, dass Späher uns warnten. Wir lagen weit ab von der Route des Heeres und hatten uns in Sicherheit gewogen, dass die Armeen wohl an uns vorbei ziehen würden. Doch ein Teil des Heeres hatte sich gelöst und marschierte unter Menos, einem der Hunde des Monostratos, direkt auf uns zu. Sie marschierten schnell und es war kein Zweifel, dass wir ihr Ziel waren.

Verzweifelung machte sich breit. Wir schafften so viele der Frauen fort wie möglich und auch die Priesterinnen flehten wir an zu gehen, oder befahlen es ihnen, soweit ihr Rang unter dem der männlichen Priester war.
Am Ende blieben nur Bredok, nun oberster Priester des Bregath, Amareta, die nun höchstrangige Priesterin der Mutter, Larzaron, der oberste Priester des Yersinias und ihre Gehilfen und Novizen.
Ich war einer von ihnen.
Wir bereiteten uns auf einen Angriff vor und die Armangathier begannen seltsame Rituale zu weben und Dinge aus den Gewölben ihres Turmes hervorzubringen, die ich noch nie zuvor bei ihnen gesehen hatte. Ich wusste schon immer, dass sie nicht die einfachen Wächter waren, die sie zu sein vorgaben. Sie lebten im Turm recht isoliert von uns, aber manchmal hatte ich gesehen, wie sie Feuer machten mit seltsamen Gefäßen, die fast wie Gnomenzauber wirkten, doch gar nicht magisch waren. Auch ihre Rüstungen, die sie nun anzogen, waren anders, als alles andere, was ich je gesehen hatte in Eridmea. Das Metall glänzte und war fein gesponnen und selbst Salzwasser ließ es nicht blind werden.
Ich wusste schon lange, dass dieses Volk, dessen Zahl niemals die hundert überschritt, nicht wirklich aus dieser Gegend stammen konnte, auch wenn sie anscheinend schon immer hier gelebt hatten. Zu hart war ihre Sprache und zu seltsam ihre heilige Zeremonie. Am Anfang hatte ich sie für Dämonenanbeter oder Schlimmeres gehalten. Aber die heilige Amareta hatte mir erklärt, dass ihre seltsame Zeremonie, die neugeborenen Kinder mit ihrem Blut an den heiligen Anführer zu binden, eine Sitte sei, die von den Göttern selbst gestiftet wurde. So groß waren die Taten dieses Mannes, dass die Götter ihm die Gabe gegeben hatten, die Seinen zu schützen, im Leben wie im Tode, und so verlieh dieses Band ihrem Körper Stärke und ihren Seelen Schutz vor dem Bösen, da ihr Anführer über sie wachte.
Heute, wo ich weiß, wie groß das Opfer dieses Volkes ist und wie groß ihre Tapferkeit, wünschte ich, ich könnte der Welt von ihnen berichten, damit sie Aufnahme fänden in unsere Legenden und ihr Opfermut gepriesen würde in Ewigkeit im Herzen der Menschen. Doch ich würde den Hütern des Drachen einen schlechten Dienst erweisen. Ich hoffe nur, dass einst einer von ihnen würdig genug sein wird für Stab oder Schwert oder Schild. Oder zumindest das die, die ihrer würdig, sie entlassen aus ihrem schweren Dienst an der Seele Armangaths. Doch ich schweife ab.
Die Armangathier also befestigten den Tempel mit sonderbaren Mitteln unter anderem Flaschen, in denen ein Feuer brannte, dass kein Wasser zu löschen vermochte. So machten wir uns bereit und warteten auf den Angriff.

Da taumelte eine Frau auf den Platz. Die Haare wirr, die Kleidung fast zerrissen. Man konnte noch sehen, dass es wohl einst eine Yersiniasrobe gewesen sein musste. Doch dies war mehr zu erahnen, als zu sehen. Ich wollte auf sie zu eilen um ihr zu helfen, da riefen die Armangathier eine Warnung und richteten ihre Waffen auf sie.
„Untote“ erschall es, von allen Seiten und „Zurück“
Ich stand wie erstarrt, die Frau nur wenige Meter vor mir, mein Körper zwischen ihr und den Brandpfeilen der Bogenschützen.
„Helft mir!“ flehte sich mich an. Und dann sah ich in ihre Augen. Und es war der gleiche Blick, den ich schon so oft gesehen hatte. Ein Blick, so voller Qual, voller Entsetzen, voller Ekel vor sich selbst und Angst, dass ich mich nicht abwenden konnte.
„Sie braucht Hilfe“ rief ich, doch der Anführer der Armangathier hörte mich nicht.
„Zurück, sie ist eine Untote“ schrieen sie mir zu.
„Ja, das bin ich“ rief sie und fiel auf die Knie. „Doch ich bin geläutert. Ich suche Vergebung und Hilfe! Bin ich nicht ein Weib und geschändet an Leib und Seele? Wenn ihr mir nicht helfen könnt, wer dann?“
Ich wandte mich um, doch als ich den kalten Blick von Garthis sah, dem Anführer der Armangathier, da wurde mir klar, dass diese Augen keine Gnade kannten. Und ich sah das Gesicht von Larzaron. Diesen Blick werde ich nie vergessen. In seinen Augen war nacktes Entsetzen und seine Lippen formten einen Namen, doch er sprach ihn nicht aus.
„Helft mir, ich flehe euch an, bei der Gnade der Götter!“ doch ich sah, wie die Herzen sich ihrem Flehen verschlossen.
„Das ist ein Trick, Albertus, spring zur Seite!“ reif mir die Stimme Bredoks zu. Doch ich hatte in ihre Augen gesehen und wusste, dies war kein Trick. Dies war eine Seele die aus den tiefsten Qualen der Verdammnis schrie.
Und so wandte ich mich langsam zu ihr um, sorgfältig darauf achtend, zwischen ihr und den Schützen zu bleiben und zischte ihr zu „Lauf! Du wirst hier keine Gnade finden. Nur die Götter können dir noch helfen!“ und noch während ich sprach stürmten zwei Armangathier vor, die sich geschickt an ihre Seite herangepirscht hatten. Für einen Augenblick wirkte sie verwirrt, fast schien es, dass sie knien bleiben wollte, als wäre sie bereit den Nacken darzubieten dem tödlichen Streich. Doch da berührte sie die erste Waffe und aus der weinenden jungen Frau wurde wieder ein Monster. Ich sah das Glühen in ihren Augen, ihre Zähne, die scharf wurden wie die eines Raubtieres, ihre Hände, scharf wie Klauen. Ich konnte sehen, wie das Böse sie erfüllte, als die Wächter auf sie einzuschlagen begannen. Sie zerschmetterte sie förmlich und warf die Angreifer – zwei erwachsene, kräftige Männer – wie Spielzeugpuppen zur Seite.
Ich weiß nicht, woher ich den Mut nahm, aber als sie sich herabbeugte sie zu töten schrie ich ihr zu „Nicht!“
Und das Wunder geschah. Das Monstrum ließ ab von seinen Opfern. Und wurde wieder zu der Frau mit den gequälten Augen. Sie wimmerte auf und rannte weg in den Wald. Die Wächter verfolgten sie noch, aber sie waren zu langsam. Die Frau war entkommen.

Ich kehrte zurück und die Priester schalten mich. Die Armangathier waren wütend, aber ich hörte ihnen kaum zu. Sie dachten, ich wäre verhext worden, aber das war ich nicht. Ich konnte nur den Blick dieser Augen nicht vergessen. So wartete ich ab, bis die Aufregung sich gelegt hatte und ging dann zu Larzaron, dem Heiler. Und ich fragte ihn, wessen Name es war, den seine Lippen geformt hatten, den er aber nicht auszusprechen gewagt hatte. Da rannen auf einmal Tränen über seine Wangen, wenige nur, aber ich sah ihr Glitzern im Licht der Kerzen. „Niemand mehr“ erwiderte er mir. „Es war nur der Name einer Toten, die ich vor langer, langer Zeit kannte. Und sie war eine der Besten, die jemals aus den Hallen der Heiler entstammte, eine Geliebte des Yersinias.“ Da kroch ein Frösteln über meinen Körper und mit einmal wurde mir bewusst, dass Larzaron die Frau kannte. Oder besser gesagt, einst die Frau gekannt hatte, bevor sie zur Unlichen wurden. Diese Erkenntnis erstrahlte wie ein Blitz und ich verstand die tiefe Trauer und Verzweifelung in seiner Stimme. Natürlich hatte ich immer gewusst, dass das ursprüngliche Heer des Kulos aus Menschen bestanden hatte, sogar aus den Besten, denen, deren Seele rein und die dem Guten ergeben waren, und die ausgezogen waren Monostratos zu vernichten, bevor der grüne Stern vom Himmel fiel und sein giftiger Hauch sie alle verwandelte in etwas, dass nur in Alpträumen existiert hatte. Aber es war etwas ganz anderes, diese Geschichte gehört zu haben oder plötzlich vor jemanden zu stehen, der eines dieser Monstren noch gekannt hatte, als es ein lebender und atmender Mensch gewesen war. Er musste mir meine Erschütterung angesehen haben, denn er schüttelte den Kopf und sagte zu mir „Vergiss es, Albertus. Sie ist nun eine Unliche und keine Macht der Welt kann diesen Zauber brechen. Glaubst du nicht, es wäre nicht versucht worden? Sie ist nun verderbt und böse, so böse wie sie einst gut war. Und alles andere ist bitter Lüge, um so grausamer, weil wir sie so gerne glauben möchten. Glaube mir, sie ist nun ein Monster. An ihren Händen klebt das Blut hunderte und tausender Unschuldiger. Ich habe von ihr gehört. Sie ist eine der Hände des Monostratos. Niemals würde sie Hilfe suchen an dieser Stätte. Was sie sucht, ist ein billiger Zugang, eine Schwäche, die sie ausnutzen kann. Vergiss sie!“ und seine Stimme war immer härter geworden bei seinen Worten und ich sah, wie die Glieder eines Armbandes in seinen Händen zerbrachen. Eines Armbandes wie es in machen Gegenden Eridmeas dem zukünftigen Bräutigam von seiner Braut geschenkt wurden, als Versprechen und Zusage des kommenden Ehegelöbnisses. Und mit diesen Worten schickte er mich hinaus. Aber ich konnte sie nicht vergessen. Und nicht das Armband -in seinen Händen. Ihre Stimme, ihre Augen – ich hatte diesen Blick schon so oft gesehen. Ich kannte Lügner und gewiss, ich war nicht unfehlbar, aber ich kannte auch die Qualen in den Augen einer Frau, die lieber sterben wollte als weiter leiden. Diese Frau hatte Hilfe gesucht, ob nun Unliche hin oder Unliche her. Und sie hatte Hilfe gesucht an dem heiligsten Orte Eridmeas – an dem Orte, wo sie glauben musste, dass garantiert einer sei, der sie liebt.
Und so hinterließ ich eine Nachricht bei Lazarus, damit er neue Hoffnung schöpfe. Ich hatte ihm gesagt, er solle den Glauben an die Gnade der Götter nicht aufgeben und ich würde sie suchen und zu ihm bringen. Wie es sich zeigen sollte, war dies ein Fehler. Und vielleicht der entscheidende in einer in einer Kette von Fehlern.
Und so schlich ich mich hinaus, um sie zu suchen.

Ich fand sie nach einigem Suchen und dachte in meiner Selbstgerechtigkeit wirklich, dies sei das Wirken der Götter. Ein Zeichen, dass ich Recht handelte. –

Ich fand sie weinend in einem kleinen Hain. Noch heute frage ich mich wie die Armangathier ihr Weinen überhören konnten. Ich näherte mich ihr vorsichtig wie einem wilden Tiere, dass man nicht verschrecken will, da es sonst aufspringt und flieht – oder beißt.
Sie sah mich und fing an zu knurren, doch ich blieb still stehen und zeigte keine Furcht. Nach einer Ewigkeit schien sie mich wieder zu erkennen und ihre Gesichtszüge wurden wieder menschlich.
Ich näherte mich ihr vorsichtiger als je einer Frau zuvor. Ich weiß nicht wie lange ich brauchte, doch irgendwann berührten meine Fingerspitzen sanft ihre Schulter. Da sah sie auf. Und warf sich mir weinend in den Arm als wäre ich ein Vater und nicht viel, viel jünger als sie. Ich hielt sie so und wiegte sie und die Scheußlichkeit ihrer Gestalt und ihr Übelkeit erregender Geruch, ja selbst das Blut an ihrer Kleidung und ihren Klauen erschien mir immer weniger schlimm. Sie war ein Opfer, so wie die anderen Frauen. Vielleicht war sie auch Täter – ich wusste es nicht und ich wollte es nicht wissen. Hass ließ viele Menschen zu Schlimmerem werden als die Tiere. Und in dieser Frau tobte der Hass. Sicherlich war sie vom Einfluss des Sternes verändert worden. Ich konnte keinen Schlag ihres Herzens spüren und auch wenn sie schluchzte, so füllte doch kein Atem ihre Lunge und der Odem des Lebens war ihr fern. Und ihre Tränen waren nicht salziges Wasser, sondern Blut von einer absonderlichen Farbe, noch immer rot, doch mit einem grünen Glanz, der im Mondlicht schimmerte. Und so hielt ich sie als wäre sie meine Tochter. Und ich wusste, dass ich gerade Tanesh war, die Mutter, die alle ihre Kinder liebt und sie beschützt, ganz gleich, was sie getan hatten, denn die Gnade Taneshs ist unendlich und ihre Liebe ohne jedes Maß und Urteil.

Irgendwann hörte sie auf zu weinen und sah mich an, als hätte ich eine Antwort. Doch ich kannte noch nicht einmal die Frage. Ich wusste nur, dass dort wo die Gnade der Menschen versagte, die Gnade der Götter erretten kann.

Und so nahm ich sie an die Hand und führte sie tief hinein in den Wald. Zuerst wollte ich sie dorthin führen, wo die heilige Tanesh in die Erde gefahren war, beschützt vom Drachen Armangath, doch dies wäre zu nahe der Pilgerstätte gewesen und man hätte uns gesehen und sie erschlagen. Deshalb brachte ich sie fort an den Ort, der mir dem Heiligsten so nah zu sein schien, wie es möglich war. Es war eine kleine Lichtung im Wald und ich wusste, dass hier die Kinder begraben wurden der Frauen, die zu uns kamen. Es war ein trauriger Ort, voller Hass und Zorn und Leid. Viele dieser Kinder waren schon tot zur Welt gekommen, da das Untote kein Leben zeugen konnte. Andere waren erschlagen worden von ihren eigenen Müttern oder den Hebammen, als sie sahen, welch Monster herangewachsen waren in den Leibern der Geschändeten. Und doch war dieser Ort geweiht, sowohl der Eschgal als auch der Tammuz, denn die Götter lassen selbst diese ungewolltesten aller Kreaturen nicht aus ihren Händen ins Nichts stürzen.
Ich dachte damals, es wäre ein guter Ort. Fast ein Gleichnis, denn sicherlich war auch sie gezeugt worden gegen ihren Willen, eine Monströsität, gehaßt von den Menschen und nur durch den endgültigen Tod erlöst.
Ich fing an mit ihr zu reden wie man mit einem Kinde redet oder einem scheuen Tier. Fast schien sie mehr dem Klang meiner Stimme zu lauschen als meinen Worten. Und doch sie verstand alles, das sah ich. Der Zauber des Sternes nahm zwar Leben und Seele doch nicht den Verstand. Nur deshalb waren ja die ersten der Unlichen so gefährlich. Irgendwann fragte ich sie, nach ihrem Namen, doch sie schüttelte nur den Kopf. Das Schweigen dauerte ewig. Dann begann sie zu erzählen.
Sie erzählte mir wie stolz sie gewesen war. Sie war an der Seite von Kulos geritten, unter wehenden Bannern. Man konnte förmlich den Glanz der Rüstungen sehen, wie sie in der Sonne funkelten, die wehenden Fahnen, die weißen, sich bauschenden Umhänge, die im Winde flatterten als das Heer des Guten loszog, Monostratos zu besiegen und in seine Schranken zu weisen. Sie erzählte mir wie stolz sie gewesen war auserwählt zu sein. Die jüngste Heilerin des Yersinias, die je persönliche Leibärztin des Königs wurde. Die Beste, so hieß es, die je ausgebildet worden war. Unter der heilenden Berührung ihrer Hände schlossen sich Wunden und ganze Gliedmaßen regenerierten sich wie durch Zauber, nur das sei nicht zaubern musste. Die Macht ihres Gottes war stark in ihr und fast schien es, als würde Tod sie erst bitten, die Kranken holen zu düfen, die sie behandelte. Kein Eschgali betrat jemals ihre Krankenstätte und die anderen Priester verneigten sich in Ehrfurcht vor ihr und nannten sie eine Geliebte des Yersinias, so hoch stand sie in der Gunst des Gottes.
Und das Heer des Kulos ritt nach Rhyat mit dem Segen und Auftrag des Königs. Und sie standen vor den Mauern, die Monostratos hatte errichten lassen und sie wußten, sie würden siegen, denn die Hälfte des Heeres des Königreiches war versammelt worden. Und waren sie nicht die Kämpfer des Guten? Waren die Götter nicht auf ihrer Seite? Und so griffen sie an und sie brandeten gegen die Mauer wie ein Meer, dass die Klippen überspülen würde und die Dämme zerbrechen.

Doch sie siegten nicht. Denn über ihnen erklang der Gesang des Monostratos und in einem gewaltigen Ritual verfinsterte dieser den Himmel. Und ein Stern fiel vom Himmel und er brachte die Bitternis doch sie erkannten ihn nicht. Und sein giftiger Hauch erstickte den Lebensodem und er tötete alles, was Atem hatte. Das Fleisch schmolz von ihren Knochen, das Blut verfaulte noch in den Adern und die giftigen Dämpfe ließen sie ihre Lungen aushusten bei dem Versuch um Atem zu ringen. Sie wurde zerrissen, ihr Körper zerschmettert, ihr Geist gefoltert und ihre Seele versklavt. Lange muss sie gekämpft haben. Sie erzählte mir, wie die anderen schon aufstanden, neu geformt nach dem Willen ihres Meisters, in untoten Körpern neu geboren, zu Monstren geworden. Sie muss noch immer geschrien und gefleht haben zu den Göttern, als die anderen längst dem Zauber erlegen waren. Doch irgendwann wurde auch sie gebrochen und die schützende Hand Yersinias zog sich zurück. Sie verwandelte sich und wurde zum Monster. Und Monostratos, dessen Grausamkeit ohne Gleichen war, schätze sie besonders, weil sie so lange gelitten hatte und machte sie zu einer seiner bevorzugten Dienerinnen, denn es erfüllte ihn mit Freude sie zu benutzen und zu sehen, wie sie mit Giften und Grausamkeit unglaubliches Leid über Menschen brachte, denen sie doch vorher immer geholfen hatte.
Ihr Stimme stockte, als sie mir erzählte, was sie tat unter seinem Befehl und noch heute wird mir übel und ich erwache manchmal vom Schrei meiner eigenen Stimme, wenn ich von den Bildern geträumt habe, die ihre Worte schufen in meinem Kopf. Doch ich lauschte ihr gebannt. Und ich merkte mir alles, was sie mir erzählte, über die Monster des Monostratos, ihre Fähigkeiten, ihre Stärken und Schwächen, ihr Vorgehen und die Macht ihres Meisters. Ich merkte es mir, auch wenn ich sie damit beinahe verriet, denn sie erzählte es mir wie in einem Alptraum gefangen, ich aber lauschte wie ein Spion, der die Stärke des Feindes auskundschaftete. Und so stellte ich ihr Fragen und sie beantwortete sie mir und sie erzählte mir von denen, die sie geliebt hatte und die nun Hunde waren des Monostratos, gefesselt durch den Sklavenkragen und sein Blut. Und ich erkannte, warum es noch niemanden gelungen war, das Heer des Kulos zu besiegen, denn unmöglich war es, konnte so Monostratos doch an verschiedenen Stellen des Landes zugelich sein Unheil wirken. Indem der von ihm ausgewählte Unteranführer den Sklavenkragen anlegte und das Blut seines Meisters trank, machte er sich selbst zum Gefäß für dessen Geist. Und so war es kein Wunder, dass wir glauben mussten, Kulos besäße dutzende von unglaublich mächtigen Zauberern, war es doch immer Monostratos, der so durch seine Kreaturen wirkte. Und kein Wunder war es, dass sein Heer so koordiniert war, denn kaum gab Kulos einen Befehl, so konnte Monostratos ihn weitergeben, den Körper seiner Untergebenen nutzend. Und auch wenn sie sagte, es gäbe eine zeitliche Beschränkung von zwei Stunden, sowar mir doch klar, was ein Zauberer in zwei Stunden anrichten konnte. Und wir würden seiner nie habhaft werden können, brauchte er doch nur den Sklavenkragen wieder vom Halse des besessenen Körpers nehmen um das Band zu brechen, dass seinen Geist im Körper seines Sklaven hielt. Wie sollten wir so jemanden besiegen?
Und sie erzählte mir von den Händen Monostratos, wobei sie sich manchmal auch Hunde oder Sklaven oder Gefäße nannte. Die, die einst Krieger gewesen waren und Magier und Heiler. Die, die einen besonders langen Kampf gefochten hatten gegen die Bosheit des grünen Sterns und deren Seelen langsam zerbrochen waren, denn sie waren wahre Krieger des Guten gewesen. Und so erzählte sie mir vieles und ich lauschte ihr und wartete.

Und irgendwann versickerte ihre Stimme wie Wasser im Boden und sie schwieg.
Lange saßen wir so. Der Mond war schon voll aufgegangen und das Auge Pahtors sah auf uns herab. Dann schaute sie mich an. „Was soll ich tun?“ fragte sie mich und es war keine Hoffnung mehr in ihrer Stimme. Lange dachte ich darüber nach. Doch so lange ich auch darüber nachsann, ich hatte keine Antwort, nur Fragen.

„Wie kommt es, dass du dich befreien konntest?“ fragte ich sie schließlich. „Du bist die Erste und Einzige von der wir dies je gehört haben.“ Ihr Blick wurde gedankenverloren. „Ich weiß nicht,“ sagte sie. „Ich glaube, es war nicht meine Kraft, sondern die Kraft des Paladin.“ Und sie begann zu erzählen von dem Kampf um Eridalis. Natürlich hatten wir alle davon gehört. Eridalis, die mächtige Stadt, in der Frauen regierten und die im Herzen des Landes lag. Manche sagten, in Eridalis würde das Schicksal der Welt entschieden. Doch dies hoffte ich nicht, denn Eridalis war gefallen in die Hände von Kulos und man munkelte sogar, dass die Frauen sich ihm ergeben hätten. Und sie erzählte, wie sie gefangen genommen worden war und zu einem Verhör geführt und dann vor die Richter der Stadt gebracht. Ein Mann, so erzählte sie und sie musste meinen zweifelnden Blick gespürt haben. Niemals hatten die Männer in Eridalis eine hohe Funktion, die Frauen hatten die Macht inne, nicht die Männer. Doch sie bestand darauf, es sei ein Mann gewesen, mit einem seltsamen Wappenrock, den sie so noch nie in Eridmea gesehen hätte. Und sie sei diesem Manne übergeben worden, damit er über sie urteile, ob sie noch zu retten, oder für immer dem Bösen anheim gefallen sein. Natürlich hatte sie ihn verspottet und beschimpft. Sie glaubte, ihr Urteil stehe fest. Selbstherrlich stand er vor ihr, so tapfer, so licht, so närrisch wie alle, die mit gezogen waren im Heer und nun als kriechende Monster ihren neuen Herren dienten. Aber er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er achtete nicht auf ihre Worte, ihren Haß, ihre Abscheu, die sie ihm ins Gesicht spuckte. Er achtete auf die Verzweiflung, die hinter dem Abscheu lag. Die Stille, die dort war, wo früher das Lachen ihrer Seele erklungen war. Die Leere, die sie nun verzehrte wie ein nagender Hunger, der nicht zu stillen war und sie unersättlich machte in ihrer Gier. Und dann begann er zu ihr zu sprechen. Sanft und doch anklagend. Er erinnerte sie. Er erinnerte sie an das, was sie einst gewesen war. Und er tadelte ihren Hochmut und ihre Verzweifelung. Die Götter hatten sich nicht von ihr abgewandt, sie war es, deren Schmerzen und Angst und Zweifel die Tore ihrer Seele verschlossen hatten. Sie war es die entschied, ob sie dem Ruf der Götter folgen oder für immer die Knute des Monostratos fühlen wollte. Sie war es, die jede Sekunde sich auf´s Neue entscheiden musste, ob sie die Hand der Götter nahm. Und diese Hand war immer da, bereit dem Strauchelnden Halt zu geben. Sie war manchmal nur verschleiert durch die Blindheit, mit der das Böse uns schlug, Manchmal konnten wir die Stimme der Götter nicht mehr hören, denn das Böse schrie in unser Ohr, manchmal konnten wir die Hand nicht mehr ertasten, denn das Böse hielt uns gefesselt. Doch die Hand war immer da.
Und während sie erzählte, was der Paladin ihr in dieser finsteren Stunde im Kerker des Gerichtsraumes zugeflüstert hatte, da ging eine Veränderung mit ihr vor sich und ein Glanz legte sich über sie und ich konnte die Götter spüren an diesem Ort auf eine Art und Weise wie ich sie noch nie zuvor gespürt hatte. Sie waren hier. Sie alle. Sie warteten nur durch einen dünnen Schleier des Seins von uns getrennt. Bereit uns zu empfangen und zu halten, wenn wir uns ihnen öffneten. Und ich sah diese Frau und ich sah, dass sie sich den Göttern geöffnet hatte und ihnen vertraute, mehr als ich es jemals bei einem Wesen zuvor erblickt hatte. Und sie erzählte weiter und ich lauschte ihrer Geschichte und dem, was der Paladin ihr gesagt hatte. Und dann verstand ich die Größe dieses Mannes und wie es sein konnte, dass diese Frau vor mir saß, ein Monster, blutbefleckt und doch strahlend von innerem Glanze.
Der Paladin hatte ihre Sünden auf sich genommen. Alles Blut, dass ihre Hände vergossen, tropfte nun von seinen Händen. Alles Leid, das sie verursachte, würde vor dem Gerichte Tarashs ihm zur Last gelegt. Er hatte sie befreit auf eine Art und Weise, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Ihre Seele war rein geworden, damit sie die gnade der Götter empfangen konnte, indem er seine eigene Seele für immer verflucht hatte.
Und mich schauderte vor der Größe dieses Mannes, der sich selbst in den Abgrund begab, damit die Gefallene zum Licht emporblicken durfte. Und ich fragte mich, was wohl geschehen würde, wenn dieser Mann des reinen Lichtes vor den Göttern stünde, befleckt mit all dem Bösen, dass er ihr abgenommen hatte. Und ich beschloss, diesen Mann, den ich nie getroffen hatte, in meine Gebete zu Eschgal einzuschließen, damit er einst nicht der Verdammnis anheim fiele. Und als ich sie nach seinem Namen fragte, sagte sie „Merlon“ und lächelte, doch mich durchfuhr ein kalter Schauder und für einen kurzen Augenblick sah ich Blut an Kriegerhänden, Blut, dass glänzte wie von einem inneren Lichte.

Der Augenblick verging und lange saßen wir beide schweigend. Ich wußte keinen Rat. Die Menschen schienen keinen Weg zu kennen, sie wieder zu dem zu machen, was sie einst gewesen war : ein lebendiger, atmender Mensch. Und der einzige Weg die Unlichen wieder zum Guten zu bekehren, diesem Beispiel schien es unmöglich zu folgen. Und so riet ich ihr, die Götter anzurufen. Es war nicht gerecht, so schien es mir. Sie hatte so viel gelitten und dieser Merlon hatte ein so großes Opfer gebracht und nun saß sie hier, verzweifelt und alles schien umsonst, denn die Armangathier mussten sie irgendwann finden und dann würde sie erschlagen wie ein tollwütiger Hund.

Und ich versprach ihr, zur Pilgerstätte zurückzugehen und für sie zu sprechen, damit man sie vielleicht annähme. Und ichsagte ihr, sie solle zu Yersinias beten. War dieser nicht der Gott der Heilung? War sie nicht seine Priesterin? Hatte sie ihm nicht gedient? War dieser giftige Odem des Sterns, der Rhyat zur Geburtsstätte des Bösen machte nicht wie böser Krankheitsgeist, ihr Dasein nicht wie eine Pest, ihr Handeln nicht wie das eines Fieberwahnsinnigen? Wer, wenn nicht Yersinias sollte sie heilen können, sie und die anderen des Heeres, die einst die Krieger des Lichtes gewesen, nun zur Geißel Eridmeas geworden. Wo, wenn nicht hier, wo Bregath, der Herr des Lebensodems weilte, sollte sie Hoffnung finden? Wo, wenn nicht hier an dem Platz, der Tammuz und Eschgal geweiht war, wollte sie erhört werden, damit die Toten nicht mehr aus ihren Gräbern gerissen würden und zu unheiligem Tun verleitet.
Und so ließ ich sie allein und betend zurück in der Gewissheit, dass die Götter sie erhören würden.

Ach, wäre ich doch nur gegangen. Hätte ich mein Versprechen wahr gemacht. Aber kaum hatte ich die Lichtung verlassen, da hörte ich einen seltsamen Klang, fast so wie Musik und doch süßer als jeder Ton einer Harfe. Und ich sah ein Licht von der Lichtung her schimmern, als hätte dort ein Gott nur darauf gewartet, dass ich endlich gehe, damit er zu ihr kommen kann.
Und ich war neugierig. Alle Götter mögen mir vergeben. Ich war einfach nur neugierig. Und so schlich ich mich zurück und beobachtete sie durch die Büsche hindurch. Und ich kann nicht beschreiben, was ich dort sah, denn kein menschliches Wort ist groß genug und es gibt in den Sprachen der Menschen, Elfen oder Drachen kein Wort, dass die Güte und die Liebe der Gestalt auszudrücken vermag, die ich dort sah.

Und ich sah wie Yersinias, der Gnädige, sie heilte mit der Kraft seines Blutes.

Und ich sah, wie sie weinte, Tränen aus salzigem Wasser. Und wie ihre Wangen erröteten und ihre Brust sich hob und senkte durch den Odem des Lebens.

Und ich sah, wie sie ihn anflehte und wie er fünf Gefäße nahm und das Blut seines Herzens dort hinein floß und die Phiolen ihr gab, kostbarster als der kostbarste Wein, glänzend im Rot des Lebens. Und sie nahm sein Blut, dass er ihr gab und dankte ihm und ich sah wie er lächelte, doch schien es mir als wäre sein Lächeln traurig, der Glanz seiner Augen getrübt, als hätte es ihn große Kraft gekostet ihr dieses Geschenk zu geben.

Und ich sah wie sie aufstand und ihm dankte. Und wie doch Trauer auf ihrem Gesicht war. Und ich hörte, wie sie ihn fragte, ob es denn keine Rettung gebe. Keine Rettung für die anderen? Doch er schüttelte den Kopf. Die Phiolen seines Herzblutes, mehr konnte er ihr nicht geben, zu erretten drei von ihnen vor jedweder Krankheit, Siechtum und Pestilenz und sogar vor dem Hauch des grünen Sterns und dem Fluch des Nekromanten. Den Untoten selbst konnte sie Leben bringen mit diesem roten Trank seines Lebens. Kulos und Monostratos gegeben würde er sie wandeln wieder zu sterblichen Geschöpfen – und zumindest Kulos könnte so befreit werden und zum Lichte zurückkehren. Monostratos Seele war unrettbar verderbt und nur dienen würde es ihr, ihn besiegen zu können, wenn er sterblicher Magier und nicht mehr unsterbliche Bestie. Die dritte Phiole aber sollte sie demjenigen geben, den sie am meisten liebte. Für die anderen sei alle Hoffnung verloren.

Und sie weinte. Ich weiß nicht, ob aus Freude oder Schmerz. Und ich dachte an all die anderen Verwandelten und wie grausam die Entscheidung war, die der Gott ihr auflastete. Und ich fragte mich, ob wir alle das Opfer des Merlon vollziehen könnten, um sie zu retten. Und plötzlich spürte ich einen Blick auf mir, oder in mir? Ich kann es nicht beschreiben. Und ich hörte diese Stimme im Grunde meines Herzens und sie fragte mich „wärest du bereit, dein Leben und deine Seele zu geben, selbst wenn dies nur hieße, dass sie tot blieben?“ Und ich dachte darüber nach, wie die Yersiniaspriesterin gewandelt war als Untote und doch gut. Und ich verstand die Frage nicht, nicht wirklich.
Doch ich wußte, selbst wenn ich diese Wesen nicht retten könnte, diese Unlichen, so wäre es doch den Tod eines einzelnen Mannes wert, wenn sie endlich in Frieden ruhen könnten und ihre Seelen geborgen wären in den Hallen Eschgals und Erlösung fänden in der Leere der Tammuz. Und so erhob ich mich, das Opfer zu vollbringen. Doch meine Glieder waren wie Blei.

Und ich sah, wie der Gott in seine Brust griff an die Stelle seines Herzens. Und er nahm ein Juwel heraus, strahlend und hell und es schlug im Rhythmus der Welt. Und ich sah, wie er das Juwel zerbrach, während er seine Priesterin ansah und drei Tropfen fielen zu Boden. Hellglänzendes Rot. Und aus ihnen entsprangen drei Blumen, leuchtend und hell.
Und dann sank die Gestalt zu Boden und ein Schimmer legte sich auf sie, als wenn der Nebel der Erde ihn bedecken wollte, doch mit den Farben des Regenbogens. Und ich sah die Yersiniaspriesterin weinen, doch ich konnte mich nicht rühren. Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging. Die Sterne standen still im Himmel und es bewegte kein Lufthauch die Blätter. Kein Laut dieser Welt erklang und die Zeit hielt inne.
Und ich sah, wie ein Stein emporwuchs aus der Erde und die Priesterin berührte ihn und eine Schrift erschien auf dem Stein, so als würde sie mit flammendem Meißel eingraviert, doch ich sah nicht, dass sie Werkzeug gehabt hätte oder ihre Hände bewegte zum Zaubern. Dann erhob sie sich, einen letzten Blick werfend auf das Leichentuch, dass die Gestalt des Gottes umhüllte und das wie aus tausend Schmetterlingsflügeln bestehend wogte in Farben und Licht.
Und sie ging.
Doch ich konnte mich nicht erheben.
Ich konnte den Blick nicht lösen von der Gestalt des Gottes, die dort lag.
Da war etwas, etwas , was mich drängte, aufzustehen, zu gehen, den Priestern und den Armangathiern zu sagen, was ich gesehen hatte.
Doch ich konnte nicht.
Und so lag ich da in dieser Ewigkeit.
Und ich sah Gestalten. Die Gestalten der Götter. Doch nicht so wie sie auf den Bildern der Tempel abgebildet sind.
Nicht so, wie man mir erzählt hatte, wenn sie menschliche Gestalt annahmen um auf der Erde zu wandeln.
Nicht so, wie es sein sollte, wenn sie die Körper ihrer Priester nutzten, um selbst unter den Menschen zu weilen.
Ich sah sie, wie eines Sterblichen Auge das Unsterbliche zu erblicken vermag.
Und ich sah, wie die Schwestern nahmen den Leib und wie die Andere den Faden nahm und wie zerrissen wurden die Himmel und das Universum selbst und ein Loch klaffte im Gewebe der Welt und des Seins gerissen durch den Opfertod eine Gottes. Und ich sah die Mutter weinen.
Und mein Geist zerriss.

Sie fanden mich irgendwann. Ich muss durch den Wald getaumelt sein. Meine Augen waren blind, meine Ohren taub und ich hatte die Gabe der Sprache verloren.
Sie brachten mich zurück zu der Pilgerstätte.
Ich weiß nicht, wie lange ich dort liegen blieb in einem Fieber, dass niemand kannte. Wie sollte ich ihnen auch sagen, dass meine Seele das Unsterbliche erblickt hatte? Das mir nichts mangelte, sondern ich übervoll war des Wunderbaren, dass ich gesehen? Das meine Augen nicht blind waren, sondern eine Welt erblickend, die hinter dem Schleier des Seins, dort wo die Götter lebten? Das meine Ohren nicht taub, sondern erfüllt waren von den Stimmen der Götter und der Musik des Himmels? Das meine Sprache nicht fehlte, sondern nur die Worte, weil es nichts gab was ausdrücken konnte, was ich dort sah und hörte, noch nicht einmal die Sprache des Gesangs oder der Dichtung?

Sie brachten mich irgendwann fort mit den anderen Verwundeten. Damals, als die Pilgerstätte angegriffen wurde.
Erst viel, viel später erwachte ich. Und da war es zu spät. Das Schreckliche war geschehen.

Wäre ich doch zurückgekehrt, hätte ich doch mit ihnen gesprochen!

Aber so war geschehen, was geschehen war. Die Priesterin des Yersinias war zurückgekehrt, voll von den Wundern ihres Gottes. Aber man hatte meinen Brief gefunden. Und man hatte Spuren gesehen, meine und ihre im Wald. Anscheinend ließ man sie noch nicht einmal den ersten Satz sprechen. Man erschlug sie noch bevor sie sagen konnte, was geschehen war, voller Zorn darüber, dass ich wohl zu ihrem Opfer geworden war und voller Furcht, dass der Nächste mit dem sie spräche, ihr genauso verfallen würde wie ich und sie ihn fortlocken könnte in seinen Tod.

Kaum benetzte ihr Blut die Erde, da öffnete sich der Himmel, so erzählte man mir. Und ein Blitz zuckte hernieder und traf den Altar des Tarash. Und die Erde erbebte und ein Donner grollte aus der Tiefe der Welt und die Statuen des Tempels zerfielen zu Staub und die Tempelmauern barsten und die heiligen Flammen entzündeten sich zu einer Feurstbrunst, deren Hitze die Steine schmelzen ließ.

Lazaron aber, der sie erschlagen hatte, in seiner Verzweiflung und seinem Haß und seiner Liebe und seiner Angst und seinem Zorn, dieser verzweifelte, so sagte man mir. Er hielt den Leichnam der Geliebten in seinen Armen und schritt dann in den brennenden Tempel, wo er sich zur Erde warf, zu den Göttern flehend. Und obwohl die Flammen um ihn herum züngelten ließ r nicht ab von seinem Flehen. Doch die Götter erhörten ihn nicht. Ihr Leib blieb leblos. Da nahm er ihren reglosen Körper und schritt durch die Flammen und wandelte wie im Schlafe durch die Gänge der brennenden Pilgersätte bis er in seine Kammer kam. Und dort, so erzählte man mir, bettete er sie sanft auf seine Lagerstatt. Er selbst jedoch schnitt sich vor dem Bette kniend selbst die Kehle durch, einen Fluch auf den Lippen.

Amareta ließ den Leichnam der Yersiniaspriesterin in die Gewölbe unter der Pilgerstätte bringen, wohl zusammen mit den Phiolen des kostbaren Blutes, von denen sie nichts ahnte. Man versiegelte die Krypta, wohl zum einen um zu verhindern, dass die heranrückenden Truppen des Monostratos sie irgendwie spüren könnten, zum anderen auch, damit ihr Leichnam in Frieden ruhen könnte und ungeschändet bliebe und nicht erneut gezwungen werden könnte in den Dienst des Monostratos.
Obwohl ich bezweifle, dass ihm dies gelungen wäre.
Lazarons Leib aber ließ man ohne Segen in einem der Seitenteile des Kellers beerdigen.

Die Flüchtlinge erzählten von der Schlacht um die Pilgerstätte und das die Unlichen jeden, den sie gefangen nahmen, folterten, als gäbe es ein kostbares Geheimnis, dass sie den Lippen der Gefolterten unter deren Schreien entreißen wollten. Aber die Gefolterten blieben standhaft. Ich weiß nicht, ob durch die Gnade der Götter oder durch die Stärke ihres eigenen Herzens. Die Krypta wurde nicht gefunden. Und auch die Armangathier verrieten nicht, das Geheimnis von Schild, Schwert und Stab und der Seele des Drachen Armangath.

Man sagte mir, es sei ihnen sogar gelungen den Anführer dieses Trupps zu töten. Doch als ich ankam sah ich, welchen schrecklichen Preis es sie gekostet hatte. Dieses Volk war beinahe ausgelöscht und die Überlebenden litten unter einem fruchtbaren Fluch. Werkzeuge zerfielen in ihren Händen, das wärmende Herdfeuer erlosch, wenn sie sich ihm näherten, der Wind riß die Mauern ein hinter denen sie Schutz suchten. Ich kam an zu der zeit als ihr Anführer Garthis beschloss, mit den wenigen Überlebenden in die Wälder zu ziehen um dort eine neue Art des Lebens zu finden, so wie die Jünger der Candra und des Bregaths sie pflegen.
Im Turm blieb nur Arman zurück, der Bruder des Anführers und zweiter in der Befehlskette der Armangathier. Und eine furchtbare Krankheit hatte ihn entstellt. Seine Glieder schmerzten und sein Fleisch schien zu faulen und abzusterben obwohl er lebte. Und jeden, den er berührte, der bekam diese Krankheit auch. Und so beschloss er allein im Turm zu bleiben, wo er niemanden Schaden könnte und das Erbe und das Wissen seines Volkes zu wahren.
Es ist seltsam. Beide sind nun schon lange tot. Aber ich erinnere mich noch an den Tag meiner Ankunft als wäre es gestern. Wie Arman und Garthis sich ansahen. Und wie Arman diese seltsame Kleidung anlegte, die ihn verhüllte, mit dem furchtbaren Zeichen der Pest auf seiner Brust, die Glocken umlegend, damit es nicht unbemerkt bliebe, wenn er sich näherte und ein jedes lebendige Wesen ihm aus dem Weg gehen könnte. Und ich erinnere mich an Garthis, wie er die wenigen Überlebenden in den Wald mitnahm, nur in Leder und einfache Stoffe gehüllt.

Viele Jahre sind seitdem vergangen. Das Heer des Kulos war besiegt worden, kaum dass die Truppen nach der Verwüstung der Pilgersätte den Ort verlassen hatten. Der Krieg war vorbei.
Und das Opfer des Yersinias war sinnlos gewesen. Ein Gott war gestorben, doch durch meine Schuld, war das Blut unnütz vergossen worden. Ich war einer der wenigen Überlebenden und es gab so wenig Priester. So kam es, dass ich schnell aufstieg und schon bald die Führung der Pilgerstätte inne hatte. Ich ließ sie wiedr aufbauen, doch mir war als hätte ich bittere Asche im Mund, als ich in die Katakomben kam. Die Sicherungen Amaretas waren gut, dafür dass sie unter solchen Umständen vollzogen worden waren. Die Unlichen hatten den Leichnam nicht entdeckt. Doch ich beschloss, sie ruhen zu lassen, wo sie lag und die Phiolen des göttlichen Blutes mit ihr. Wem sollte es jetzt schon noch nutzen? Und ich versiegelte die Krypta auf´s Neue und ließ die fähigsten Diebe und Zauberer daran arbeiten. Ich glaube, nur die Götter selbst könnten nun noch zu ihr gelangen. Kein Wesen mehr soll ihre Ruhe stören können oder gar Hand legen an die Phiolen. Sie waren das Geschenk eines Gottes an sie, damit sie den Krieg beende und das rette, was sie am meisten liebt. Ich habe nicht verhindert, dass man sie erschlug. Aber ich kann verhindern, dass man sie noch im Tode bestielt. Und ich gab ihr als Totenopfer das Wissen bei, das sie mir geschenkt hatte und das uns hätte helfen können, die Unlichen zu besiegen. Das Wissen um die Heere des Kulos und die Zauber des Monostratos.

Und doch drängte es mich, dieses Wissen zu sichern. Ich weiß nicht, warum. Die Heere des Guten drängten die noch existierenden Unlichen zurück nach Rhyat und Kaintor zerschmetterte diesen Landstrich und Rhyat versank im Meer. Und ein zweiter Gott starb. Doch ich dachte an die Armangathier und ihr Wissen, dass nun verloren gehen musste. Und so beschloss ich das Wissen das man braucht, die Unlichen zu besiegen, in den Mauern der Pilgersätte zu bewahren, in den Fenstern, durch die jedes Auge erleuchtet wird, in den Türen, durch die wir unserer Zukunft engegen schreiten.

Und ich tilgte alles Wissen, was ich fand, über den Drachen Armangath und sein großes Opfer. Denn die Armangathier waren schwach und ich wollte nicht, dass gierige Hände sich ausstrecken würden nach dem Stab, dem Schild und dem Schwerte und so nach der Seele des Drachen Armangath. Vielleicht war es falsch alle Aufzeichnungen zu tilgen, doch das Meiste war sowieso zerstört und Arman erwählte einen Erben bevor er starb, damit das Wissen um Armangath erhalten bliebe. Es ist seltsam, doch nun birgt gerade der Turm eines der größten Geheimnisse Eridmeas. Der Turm, der nun von niemandem mehr betreten wird, denn nur die unheilbar Kranken sind in ihm. Ich frage mich, ob noch mehr kommen werden, um hier zu leben. Aber das werde ich wohl nicht mehr erleben.

Als letztes ließ ich eine Grabplatte über dem Grab Lazarons errichten. Ich wagte nicht diese Stätte Eschgal zu weihen, aber ich betete für ihn, dass die Götter ihm eines Tages vergeben. Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass dieser ruhelose Schatten, der lautlos heulend durch die Gänge zieht seit jenen Tagen, weder Mensch noch Tier, nicht der Wiederhall seiner armen, gequälten Seele ist.

Es scheint es ist vollbracht. Meine Augen sind müde und meine Hände zittern immer stärker.
Das brennende Drängen meines Herzens hat sich gelegt und ich bin müde, so unglaublich müde.

Warum nur habe ich das getan? Wo lag mein Fehler? Wäre ich ihr doch nur nicht gefolgt, oder hätte wenigstens keinen Brief geschrieben.
Oder wäre nicht geblieben aus Neugier zu sehen, was auf der Lichtung geschieht. Oder hätte ich der Stimme des Gottes etwas anderes geantwortet oder wäre wenigstens gegangen bevor die Götter kamen einen der ihren zu holen in himmlische Gefilde.
So viel „hätt“ und „wäre ich doch“.
Aber ich habe nicht.
Und ich bin nicht.

Gestern wurden die letzten Baumaßnahmen abgeschlossen. Arman ist schon lange zu Grabe getragen und ich weiß nicht, wer sein Erbe ist. Die jungen Priester und Novizen wissen nichts mehr von dem, was hier einst geschah. Selbst der große Krieg mit Kulos wird langsam zu einem Märchen, einer schrecklichen Geschichte, die vor langer Zeit geschah und so nicht wiederkommen wird. Ich bete, dass sie nie anderes erfahren werden.

Es scheint fast, alles wäre nun alles getan. Und doch, eines nochgibt es, das meine Seele belastet. Und auch wenn ich alt bin und meine Beine mich nicht mehr solange tragen wollen, wie früher, eines muss ich noch tun.

Nachdem die Truppen des Monostratos abgezogen waren, da erzählten die Bauern in der Gegend, dass zur Jahreswende ein Pfad in den Wald hinein aufgeleuchtet hätte. Vier von ihnen sind diesem Pfad gefolgt. Keiner von ihnen kehrte zurück. So scheint es von nun an jedes Jahr zu sein. Ich habe beschlossen, dieses Jahr, wenn alle zum Konvent gehen, hier zu bleiben. Ich bin alt und schwach, sicherlich wird man es verstehen, wenn ich den weiten Weg zum Haupttempel nicht mehr auf mich nehmen kann. Ich denke, wenn sie fort sind, werde ich mich aufmachen und diesen Pfad entlang gehen. Denn ich glaube ich weiß, welche Stätte an seinem ende liegt. Und ich glaube ich weiß, warum der Pfad leuchtet, auf den wartend., der ihn einst gegangen ist, nachdem er den Tod eines Gottes sah. Vielleicht sehe ich dort an heiliger Stätte noch einmal das Anglitz der Götter. Und vielleicht vergeben sie mir. Und doch meine Träume scheinen anderes zu verheißen. Glühende Augen, scharfe Zähne. Die letzten drei Nächte ging ich diesen Pfad und alle drei Male starb ich, jedes Mal schrecklicher als zuvor, zerrissen an Leib und Gliedern, diente ich Kreaturen zum Fraße, die nicht von dieser Welt.
Und deshalb werde ich, bevor ich gehe, das Gesetz erlassen, dass auf alle Zeiten gelten soll – niemals soll ein Mensch diesen leuchtenden Pfad betreten, es sei denn, die Götter selbst geben ein Zeichen, dass dies ihr Wille sei.


Doch nun ist es vollbracht. Das Tintenfaß ist leer.

Möge die Flamme des heiligen Tempels dieses Schreiben vernichten und meine Worte zu den Göttern tragen. Möge die Mutter sich meiner Erbarmen. Mögen die schrecklichen Erinnerungen endlich ein Ende haben und meine Schuld getilgt werden, so wie die Schrift von diesem Papier wenn die Flamme es ergreift.

Ich bitte um Gnade, ihr Mächtigen.
Ich, der ich euch einst sah, bitte um nichts mehr für mich.
Zu viel Schuld liegt auf mir.
Doch ich bitte für die Seele der Yersiniaspriesterin, deren Name ich nie erfahren habe.
Möge sie in Frieden in Eschgals Händen ruhen.
Und ich bitte für den Richter aus Eridalis namens Merlon.
Möget ihr ihm nicht alle ihre Sünden anrechnen. Das Blut des Yersinias klebt nicht nur an ihren Händen, sondern auch an meinen. Mag es ihr Bitten gewesen sein, so war es doch mein Gedanke, der ihn sich opfern ließ.
Ich bitte für diese heilige Sätte und für alle, die nach mir kommen mögen.
Und ich bitte um Segen für die Armangathier, die zu Wilden werden und die Kranken, die von der schrecklichen Seuche betroffen werden, die seitdem in Eridmea existiert. Möget ihr diesen gnädig sein.
Und ich bitte um Gnade für die Seele des Drachen, der hier ruht. Ich wünschte, es wäre mir möglich ein Opfer zu bringen, dass seinem gleicht und vielleicht ungeschehen zu machen, was hier geschah.
Aber dies ist mir wohl nicht gegeben.

Und so bitte ich für alle, die euch anbefohlen, von den Anfängen der Zeit bis zu ihrem Ende. Möget ihr ihnen gnädig sein.
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